Arion

Wie die Jungfrau zum Kinde

An einem etwas trüben Sommertag 2002 holt mich Kathrin, meine Frau, vom Bahnhof der Kreisstadt ab. Ich bin gerade mit einer Jugendgruppe in Polen paddeln gewesen. Entsprechend ist meine Verfassung: Müde und glücklich, alles gesund geschafft zu haben.

Nebenbei sagt sie mir, daß das Jugendamt angerufen hätte. Ich winke ab, da wir in den Jahren zuvor vergeblich auf ein junges Pflegekind "gewartet" hatten und durch Informationsprobleme im Amt einige Anläufe ins Leere gingen. Dementsprechend nehme ich diese Notitz wahr, denke aber mehr an den vor uns liegenden Familienurlaub.

Auf der Fahrt nach Norwegen spricht meine Frau wieder von diesem Anruf und wird genauer: Es gibt da ein 6 Wochen altes Kind, das in der Kurzzeitpflege ist und Langzeitpflegeeltern zur anschließenden Adoption sucht. Ich kann mir das nicht vorstellen, also daß ein Säugling nicht vermittelt werden könnte. Denn von Adoption war bei uns bisher nie die Rede gewesen. Nachdem ich mein Erstaunen ausdrücke, frage ich nach dem Haken.

Und dieser Haken veränderte von da an unser Leben grundsätzlich: Das zu adoptierende Kind hat Trisomie 21. So wundert sich meine Frau sehr, als ich dagegen "nichts" einzuwenden habe. Denn auch bei selbst geborenen Kindern, so eins meiner Argumente, weiß man nie, was man bekommt und da wir beide in einer Behinderteneinrichtung eine zeitlang gearbeitet hatten, waren wir der Meinung, daß Trisomie21 die "schönste" Behinderung ist. Außerdem versprach uns das Jugendamt alle erdenkliche Hilfe.

So wurde unser Urlaub zur "Schwangerschaftszeit" von 3 Wochen. Danach bleibt uns dann noch eine Woche, um die Einrichtung für einen Säugling zu organisieren.

Der Tag der "Familienaufnahme" kommt näher. Alles ist bereit. Wir konnten uns auch selbst einen Namen überlegen, den "unser" Zuwachs bekommen sollte, obwohl er laut Papieren den seiner leiblichen Mutter trug.

Am Abend zuvor bekomme ich jedoch einen Schreck: Ein Säugling der nicht gestillt wird, braucht die Flasche..... das bedeutet, auch nachts, das wiederum heißt, jeder, auch der "Papa" kann eine Flasche machen, aber nicht die Brust geben. Denn bei unseren beiden Großen war das kein Problem, da sie voll gestillt wurden. So sehe ich in diesem Augenblick die Welle der schlafgestörten Bulli-warmmach-Nächte auf mich zurollen. Aber zu Papas Glück kommt am nächsten Morgen bei der Kurzzeitpflegemutti die Entwarnung: Er schläft durch!!!

Nun sind wir fünf! Lina, damals 5, freut sich einfach über das Baby, Samuel,9, ist da skeptischer, da er überlegt, was so alles auf ihn zukommen könnte. Aber bald ist Arion ein vollwertiges Mitglied unserer Familie.

Arion ist seit dem ein Mittelpunkt der Familie. Da auch die beiden Großen bald Verantwortung für ihn übernehmen, haben wir kaum den Eindruck, daß sie eifersüchtig auf ihn sind. Als Samuel 10 ist, können wir alle 3 schon mal einen Abend allein lassen.

Nach drei Jahren wird die Adoption endgültig gemacht. Nun trägt Arion "unseren" Vornamen und selbstverständlich auch unseren Familiennamen vor Gott und der Welt.

Schwer können wir sagen, wie unser Leben ohne ihn weiter verlaufen wäre. Aber mit ihm ist es reicher geworden: Reicher an Erfahrungen, an Freuden, an stressigen Situation, an wichtigen Entscheidungen, deren Folge kaum absehbar sind.

Er hat uns gefordert und gefördert und wird es wohl auch noch weiterhin tun.

Matthias

Arion